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WEINLITERATUR & UNTERHALTUNG | BÜCHER


„Dieser Wein hätte von Mozart getrunken werden können.“ Mario Scheuermann

Wein und Zeit

Mit „trockenen Zahlen“ beginnt das Buch und trotz aller Bezüge zu „einer anderen Mathematik des Weines“, zu einer „String-Theorie des Weines“ ziehen sich ganz andere Themen als Leitmotive durch den Essay-Band von Mario Scheuermann. Die „trockenen Zahlen“ gelten 125 Weinen des berühmten Château d’Yquem, dessen Weine aus drei Jahrhunderten den Ausgangspunkt zu einer Zeitreise bilden.

Und es sind mehr als nur die Jahresdaten, die in Bezug gesetzt werden. Obwohl auch das Spaß machen könnte, beim Jahr 1784 etwa: „Dieser Wein hätte von Mozart getrunken werden können.“ Neben dem spekulativen Lustwandeln in der Vergangenheit versucht sich Scheuermann mit „Was werden wir in Hundert Jahren trinken“ auch im spekulativen Lustwandeln in der Zukunft. Werden es Klimakrisen-Kriegsgewinnler sein, die wir trinken, ehrwürdige, seit Jahrhunderten vertraute Bordeaux-Namen, Übersee-„Icons“ oder modische Super-Toskaner (die bei ihm dann „Operettenweine“ heißen“)? Zeit und vor allem die Abgrenzung der Zeitlosigkeit des wahren Genusses gegenüber den Trend-verhafteten Modeerscheinungen beim Weinschlürfen sind seine Leitmotive. Er spürt den Moden ebenso nach wie vermeintlich zu Unrecht übersehenen Betrachtungen zur Weinsprache. Weinmeditationen von Ernst Jünger gehören dazu wie Überlegungen zum Heimatbegriff beim Wein. Knackig und amüsant geschriebene Passagen wechseln dabei mit bildungsbürgerlich allzu ausgeschmückten Zeilen ab. Scheuermann ist dabei ein anregendes, meinungsfreudiges Büchlein gelungen, das gerade dadurch zum Mitdenken oder Widerspruch anregt.

Mario Scheuermann, Wein und Zeit – Von der Kultur des Genießens, 192 Seiten, EVP 17,90 Euro, ISBN 978-3-936682-21-2